"Lernen, Leben und Lieben"

Der amerikanische Bildungsforscher Seymour Papert über Schul-Computer


Papert, 65, ist Professor am Massachusetts Institute of Technology im amerikanischen Cambridge. Der Mathematiker und Schüler des Schweizer Bildungsforschers Jean Piaget entwickelte die Progrummiersprache Logo und gilt als Vordenker der Computer-Pädagogik.


S: Spiegel   P: Papert

S: Herr Papert, wird es im nächsten Jahrhundert noch Schulen geben?

P: Wir werden etwas haben, das Schule genannt wird, aber es wird anders aussehen. Lehrpläne, wie wir sie kennen, werden abgeschafft, sie ersticken Kreativität. Auch werden die Schüler nicht mehr nach Altersklassen getrennt, denn das verhindert, daß Kinder voneinander lernen. Die heutige Schulform ist Ausdruck einer Gesellschaft, deren Methoden zur Weitergabe von Wissen völlig unterentwickelt sind. In Zukunft wird Schule viel natürlicher sein und sich daran orientieren, wie Kleinkinder erzogen werden: Lernen, Leben und Lieben werden nicht mehr künstlich getrennt.

S: Wie wird sich der Unterricht ändern?

P: An den Schulen werden Kinder normalerweise gezwungen, das gleiche Wissen in der gleichen Zeit auf die gleiche Art zu lernen. Das Ergebnis ist katastrophal: Es kommen die Kinder besonders gut zurecht, die gelernt haben, Wissen einzupauken, auch wenn es sie nicht interessiert. Alle übrigen scheitern. Die sind vielleicht viel kreativer und intelligenter, können aber ihr Talent in der Schule nicht entfalten.

S: Denen sollen Computer helfen?

P: Der Computer gibt den Kindern ungeheure Möglichkeiten, kreativ zu sein: Sie können mit ihm Musik machen, schreiben, zeichnen, kommunizieren oder einfach nur spielen. Er fasziniert und motiviert sie mehr, als viele Lehrer es vermögen.

S: Das heißt doch nicht, daß sie mit dem Computer auch besser lernen.

P: Durch die Arbeit mit der Maschine lernen Kinder zwei ganz wichtige Dinge, um in unserer komplexen Welt besser zurechtzukommen: in Zusammenhängen zu denken und sich Wissen selbst anzueignen. Über Datennetze oder elektronische Enzyklopädien etwa können sie in Sekundenschnelle Antworten bekommen, die ihnen ihre Eltern und Lehrer gerade nicht geben können: welche Kleidung Griechen im alten Athen trugen oder wie Giraffen schlafen beispielsweise.

S: Und dann gehen die Kinder nicht mehr in den Zoo, weil sie ihre Computerwelt spannender finden als die wirkliche Welt.

P: Im Gegenteil, ihre Neugier wird erst geweckt. Kinder hören heute beispielsweise sehr viel Musik. Sie lernen aber fast nie, Musik zu komponieren, weil es sehr schwierig ist. Mit einem Computer können sie am Bildschirm Melodien erzeugen, speichern und verändern. Komponieren wird also viel einfacher. Wenn ein Kind auf diese Weise Spaß an Musik gefunden hat, weil es Melodie und Rhythmus begreift, will es oft auch ein Instrument spielen. So werden Kinder zum Musizieren animiert, die nie ein Instrument in die Hand genommen hätten.

S: Heute nutzen Kinder den Computer vor allem für Spiele. Sie schießen Flugzeuge vom Himmel oder erobern Galaxien. Wie wollen Sie dafür sorgen, daß Kinder mit dem Computer sinnvoll umgehen?

P: Das Schulsystem schreibt den Kindern heute genau vor, was sie in welcher Zeit zu lernen haben. Meine Vision ist, daß Kinder neues Wissen dann lernen sollten, wenn sie das Gefühl haben, es auch zu brauchen. Das bedeutet allerdings nicht, daß sie tun und lassen können, was sie wollen. Der Lehrer sollte die Kinder zu intellektuell anspruchsvoller Arbeit animieren.

S: Der Lehrer wird nicht überflüssig?

P: Auf keinen Fall. Allerdings ermöglicht der Computer, sinnvoller, phantasiereicher und effektiver zu lehren.

S: Die Funktion des Lehrers wird sich also wandeln?

P: Das ist ein ernstes Problem. Die Anforderungen an die Pädagogen werden wachsen. Sie brauchen ein breiteres Wissen und können sich nicht mehr auf ein Fach beschränken. Aber ich denke, gute Lehrer werden das begrüßen. Schule ist heute nicht nur ein schlechter Platz für Kinder, sondern auch für Lehrer.

S: Pädagogen wollen seit Jahrzehnten die Schule reformieren -- und sind allesamt gescheitert. Warum sind Sie so sicher, daß es diesmal gelingt?

P: Ich bin gar nicht sicher, denn Computer allein ändern noch nichts. Derzeit passiert sogar Schlimmes: Die Maschinen werden eingesetzt, um Kinder mit stupiden Lernprogrammen zu drillen. Durch richtigen Gebrauch der Technologie können wir Kinder aber für selbständiges Lernen mehr als je zuvor faszinieren. Insofern ist der Computer eine machtvolle Waffe, um das alte System aufzubrechen.


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