WAS SIND POKÉMON?
Die Pokémon-Welt ist riesig: Die Monster bevölkern Gameboys, Spielkarten, Kinoleinwände und eine Fernsehserie. Tanyel Arabaci, 13-jähriger Pokémon-Experte, gibt Anfängern einen Überblick und beantwortet die wichtigsten Fragen.
Wie war denn der Kinofilm?
Tanyel: Der war langweilig. Ein Kinderfilm. Manche von meinen Freunden haben mich auch komisch angeschaut, weil ich mir den angesehen habe, aber die anderen waren mir egal. Pokémon ist immer noch besser als Teletubbies. Das Ende des Films war voll kitschig. Da hat auch zum ersten Mal Mewtu mitgespielt, der ist stark, sogar der Stärkste von allen. Aber sonst war die Geschichte doof. Noch mal schauen würde ich den nicht.
Und die Fernsehserie?
Tanyel: Die schaue ich fast immer, auf RTL 2. Von den ganzen Folgen habe ich bisher nur drei oder vier verpasst. Neulich waren wir in Amerika, und da wollte ich unbedingt wieder nach Hause. Ich find die auch gut gezeichnet. Da sind halt so Abenteuer zu sehen, die ein Pokémon-Trainer, der Ash heißt, mit seinem Lieblingspokémon Pikachu erlebt. Ich finde auch nicht, dass Pokémon nur was für Jungs ist. Es gibt zum Beispiel auch Pferde-Pokémon oder welche, die ganz süß aussehen. Die sind auch für Mädchen.
INTERVIEW: IST DER POKÉMON-BOOM GEFÄHRLICH FÜR KINDER?
HÖRZU: Sie arbeiten für das Münchner Institut für Jugend- und Bildungsfernsehen und haben sich wissenschaftlich mit Pokémon beschäftigt. Wie kommt es zu dieser Faszination?
Maya Götz: Die Geschichte dreht sich um einen zehnjährigen Jungen, der mit seinem Freund, einem Tier, loszieht und Abenteuer erlebt. Das ist dasselbe Grundmotiv wie bei "Lassie", "Fury" oder "Flipper". Es gibt keinen Erwachsenen wie Peter Lustig, der die Welt erklärt, sondern die Kinder machen hier ihre eigenen Erfahrungen.
HZ: "Lassie" und die anderen Serien waren zwar sehr beliebt, haben aber nicht diese Hysterie ausgelöst.
Götz: Weil es damals kein so geschicktes Medienarrangement gab. Pokémon greift alles auf, was schon immer erfolgreich war: alte Kindergeschichten, das Prinzip der Quartettkarten und ein Tier, für das man Verantwortung übemimmt. Vorläufer waren vor einiger Zeit die Tamagochi, die man füttern musste.
HZ: Ist der Trend Besorgnis erregend?
Götz: Das Wissen um die Figuren ist zu einer Machtfrage geworden. Wir haben Grundschulen besucht und Kinder nach Pokémon befragt. Sie erzählten, wie sie das selbst als Druck empfinden. Mit jeder Folge lernt man dazu, hat mehr Wissen gegenüber den Freunden, kommt in eine höhere soziale Position. Problematisch wird es aber mit den Sammelkarten, denn die sind richtig teuer.
HZ: Kritisieren Sie neben dem Merchandising-Aspekt auch den Inhalt der Serie?
Götz: Sie ist zwar phantasievoll und unterhält, bietet aber keineriei Erklärung der realen Welt, wie das zum Beispiel bei der "Sendung mit der Maus" der Fall ist. Außerdem haben es Mädchen schwieriger, sich in Pokémon einzudenken.
HZ: Weil der Held der Handlung mal wieder ein Junge ist?
Götz: Genau, seine Freundin Misty wird auf die Rolle der Begleiterin reduziert. Mit ihren superlangen Beinen und schlanken Hüften erfüllt sie auch optisch das traditionelle Klischee. Aber immer noch besser, als wenn überhaupt kein Mädchen vorkommt.